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Vor dem Start in der NHL

Das stumme Glück: Ozzy Wiesblatts Traum von der NHL

In der National Hockey League (NHL) beginnt die neue Spielzeit. Ohne Zuschauer zwar, aber mit großen Erwartungen und einer fast märchenhaften Story. Es ist die Geschichte der Familie Wiesblatt aus Calgary. Die Geschichte von einem taubstummen Vater und einer taubstummen Mutter. Die Geschichte von vier sehr lebendigen Jungs, die allesamt ein bemerkenswertes Talent für das Eishockeyspiel in die Wiege gelegt bekamen. Die Geschichte von Ozzy Wiesblatt, der jetzt sogar einen Vertrag bei den San José Sharks unterschrieben hat.

Ozzy schnaubte wütend. Es war jene Art Wut, von der es heißt, dass sie blind macht. Diese Wut, die sich schwer und elendig in den Magen gräbt. Ozzy nahm seinen Eishockeyschläger und schlug ihn in der Umkleidekabine der Calgary Bisons heulend in tausend kleine Stücke. "Ist deine Mutter blöd?", hatte der Trainer der anderen Mannschaft ihm höhnisch zugerufen. "Oder kann die vielleicht gar nicht hören?"

Mit einem einzigen Spruch verletzt

Nein, konnte sie nicht. Konnte sie nie, denn sie war ja taubstumm auf die Welt gekommen. Genauso wie Ozzys Vater. Der gegnerische Trainer hatte ihn also mit einem einzigen Spruch aus dem Spiel genommen. Nichts anderes hatte er vorgehabt, denn natürlich kannte jeder in und um Calgary die Geschichte der Familie Wiesblatt.

"Das war billig und unter der Gürtellinie", sagt Ozzy heute. "Es war härter als alles, was ein Spieler normalerweise aushalten muss." Damals war Ozzy 14. Es ist vier Jahre her, die Erinnerung trotzdem noch frisch: "Der Klub hat mir damals geholfen. Sie haben den Mann zur Rede gestellt." Und seine älteren Brüder waren da, Ocean und Orca. Die beiden kannten den Spott über die Behinderung ihrer Eltern. Orca sagt heute noch: "Es fühlt sich an, als würde es niemals aufhören."

Der Vater verließ die Familie

Rückblick. Als die Wiesblatts in die große Stadt kamen, waren sie noch komplett. Mama Kim, Papa Art, die Jungs Ocean, Orca, Ozzy, Oasiz und die kleine Oceania. In Calgary sollte das Leben der Familie Wiesblatt besser und einfacher werden. Doch das Gegenteil war der Fall. Art Wiesblatt verließ bald seine Frau und damit auch seine Kinder. Und nun stand Kim ganz allein in dieser großen Stadt, die sie nicht verstand, nicht verstehen konnte, in der sie niemanden kannte.

Die Mutter opfert sich auf

Natürlich war es ein Glück, dass wenigstens die Kinder sprechen und hören konnten. Aber wie und wovon sollten sie leben? Kim nahm jede Arbeit an, die sie kriegen konnte. Hilfsarbeiterjobs zu unmöglichen Zeiten, um Dinge zu erledigen, die sonst keiner erledigen wollte. Sie mussten ja durchkommen, irgendwie, und sie wollte die Kinder nicht hergeben, um keinen Preis. Oasiz sagt heute: "Wir alle glauben, dass sie eine Superheldin ist. Und sie ist es wirklich."

"Wir haben es ja hingekriegt"

Kim ahnte damals, dass vor allem ihre Jungs mehr brauchten als mütterliche Ratschläge in Gebärdensprache. Also schickte sie die vier wieder zum Eishockey. Weil sie Talent besaßen, und weil Kim hoffte, dass ihre Jungs im Sport fürs Leben lernen würden. Durchsetzungsvermögen, Unnachgiebigkeit und auch besseres Englisch, denn die Muttersprache der Kinder war die American Sign Language (ALS). Englisch hatten die Kinder vor dem Fernseher gelernt. "Es war ein komplizierter Start", erinnert sich Ocean, "aber wir haben es ja hingekriegt."

Vier Jungs, die Eishockey spielen dürfen und sollen, ohne zu wissen, wie der Kühlschrank am nächsten Tag wieder gefüllt werden kann - das war die Ausgangslage. Es war nicht zu schaffen. Bald standen Ocean und Orca mit gepackten Koffern vor der Tür. Einer verließ die Familie nach Westen, der andere nach Süden. Beide kamen in Pflegefamilien unter. Ocean sagt, er sei darüber nicht sauer oder enttäuscht gewesen: "Unsere Mum konnte einfach nicht für uns alle da sein. Es wurde einfach zu teuer."

Die Wiesblatt-Boys werden entdeckt

Immerhin wurden die vier Wiesblatt-Boys auf dem Eis immer besser. Im kanadischen Scoutingsystem führten sie bald die Listen in ihren Jahrgängen an. Tausende Talentspäher sichern hier aberwitzige Datenmengen, selbst regionale Juniorenmeisterschaften werden live im Fernsehen gezeigt und erzielen eine enorme Einschaltquote. "Ich war und bin so glücklich, dass ich sehen und erleben darf, wie meine Jungs immer besser werden", malt Kim begeistert mit ihren Händen in die Luft.

Wird Ozzy in der ersten Runde gedraftet?

Im Oktober schließlich saßen die Wiesblatts nach längerer Zeit mal wieder gemeinsam vor dem Fernseher. Sie hatten sich festlich gekleidet. Über die Wahl des Fernsehprogramms herrschte große Einigkeit: die Übertragung des NHL-Drafts. Welcher Klub sichert sich die Unterschrift von welchem Spieler? Mitten auf der Couch saß Ozzy, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er noch niemals zuvor in den achtzehneinhalb Jahren seines Lebens derart aufgeregt gewesen war.

31 unterschiedliche Caps hatte ihm die NHL nach Hause geschickt. Denn die NHL zählte ja 31 Teams, und Ozzy musste vorbereitet sein. In der abgelaufenen Saison hatte er für seine Prince Albert Raiders sage und schreibe 70 Scorerpunkte gemacht. Es war also gut möglich, dass an diesem ersten Abend sein Name ausgerufen würde, obwohl es erst einmal nur um die Erstrunden-Picks ging.

Ein bemerkenswerter Auftritt

Der Abend strich dahin. 30 Namen waren bereits aufgerufen worden. Dann trat Doug Wilson jr. vor die Kamera. Die meisten Menschen nennen ihn Dougie. Vielleicht nur der besseren Unterscheidung wegen, denn Dougie ist der Sohn von Doug Wilson, jenem legendären Verteidiger der Chicago Blackhawks, der es auf mehr als 1.000 Spiele in der besten Liga der Welt brachte, dabei weit über 200 Treffer erzielte. Doug Wilson jedenfalls ist seit einer gefühlten Ewigkeit der General Manager der San José Sharks aus Kalifornien, und sein Sohn Dougie ist der Scouting-Direktor dieser Organisation.

Dougie Wilson schaute also in die Fernsehkamera und sagte: "Die San José Sharks sind stolz darauf, von den Prince Albert Raiders auszuwählen...", hier machte Dougie Wilson eine Pause und malte mit seinen Händen ein paar Zeichen in die Luft, dann nannte er Ozzys Namen. "Ich hätte gerne Ozzys ganzen Namen in Gebärdensprache geschrieben, aber dafür war ich nicht smart genug", sagte Dougie Wilson später.

Ozzy hatte es geschafft. Nein, sie alle hatten es geschafft. Sie sprangen, lachten und tanzten wild durcheinander. Ozzy fand endlich das Cap mit dem Haifisch, der einen Eishockeyschläger zerbeißt, dem Logo der Sharks, setzte es auf und lächelte in die Webcam. Er stotterte aufgeregt einige Worte. Er hätte es gar nicht tun müssen. Denn es gab und gibt ja ein paar Dinge im Leben, für die es keine Worte gibt.

Stand: 13.01.2021, 10:16

   
13.01.2021 10:16    Kommentare: 0    Kategorien: Sonstige News      Stichwoerter: nhl  ozzy wiesblatt  san josé sharks  deutschland/international  
 
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